Alles wird gut!

 

In dieser Zeit der Bedrohungen mit Kriegen in Syrien, Afghanistan, Irak, Sudan, Jemen und mit den Krisen in Europa mit Brexit, den antidemokratischen Regierungen in der Türkei, Polen und Ungarn, dem politischen Chaos in den USA und dem gefährlichen Regime in Nordkorea, wie kann man da behaupten „Alles wird gut“?
Und doch gibt es seit einigen Jahren Untersuchungen, die zeigen, dass sich vieles in der Welt verbessert: die Gewalt nimmt ab (Morde, Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Raub, Einbrüche) ebenso die extreme Armut und der Hunger in der Welt. Die Weltbevölkerung steigt zwar weiter aber nicht so stark wie noch vor Jahren. Erforscht hat das der Harvard Psychologe und Linguist Steven Pinker, der es in einem umfangreichen Buch mit dem Titel „Gewalt, eine neue Geschichte der Menschheit“ („The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined“) beschreibt. Er untersuchte archäologische Fundstätten und Museen nach Zeichen von Gewalteinwirkungen an Schädeln und Skeletten, durchforstete Statistiken der Staaten und Kirchenbücher und verifiziert seine These trotz der Massenvernichtung von Menschenleben in den 2 Weltkriegen des 20. Jahrhunderts.
Er erklärt das durch die zunehmende Zivilisierung der Menschen bei der Entwicklung vom Jäger und Sammler zum Bauern, durch das Wachstum der Städte und, später, durch die Europäische Aufklärung. Der „lange Frieden“ (JL Gaddis) in neuerer Zeit verursachte eine weitere drastische Abnahme der Gewalt durch das neue Gleichgewicht der Kräfte unter den Großmächten. Durch die Menschenrechtsbewegung nahm die Aggression gegen Minderheiten, Frauen und Kindern, Homosexuelle und Tiere ab.
Dass es zu einer Abnahme von Gewalt im Laufe der Geschichte kam, erklärt Pinker durch die „Vier Guten Engel“ der Menschen:
-Mitgefühl, die Fähigkeit, sich den Schmerz Anderer vorzustellen und das eigene Handeln danach zu richten,
-Selbstkontrolle, die Fähigkeit, die Konsequenzen unseres spontanen Handelns zu erkennen und sie zu unterdrücken,
-Das „moralische Gewissen“, welches eine Reihe von Normen und Tabus im Zusammenwirken von Menschen einer Kultur sanktioniert. Diese können Gewalt vermindern aber, in anderen Kulturen, auch fördern wenn diese autoritär, puritanisch oder ethnisch sind.
-Vernunft, die uns erlaubt sich zu erheben über provinzielles Gedankengut.

Dass die Gewalt innerhalb von Familien abgenommen hat, kann man aus den Berichten unserer Eltern, Großeltern, und Urgroßeltern entnehmen: die Prügelstrafe war ein akzeptiertes Mittel der Kindererziehung, und sie ist es heute nicht mehr.

Pinker lehnt eine biologische Erklärung für die menschliche Aggressivität ab, als auch für die zunehmende Friedfertigkeit der Menschen. Alles ist Kultur.
Pinker wurde mit Ehrungen und Preisen überhäuft, auch weil er ein Gegengewicht darstellte gegen die Schwarzmalerei der Medien mit ihrer Vorliebe für negative Nachrichten. Es gibt allerdings auch fundierte Kritik. Das Buch erschien 2011 und erfasst daher nicht modernere Trends die weniger optimistisch sind. Auch vom Standpunkt der Statistik gibt es Bedenken wegen der Bezugswerte. Es könnte zB sein, dass die Bevölkerung schneller wuchs als die Zahl der Gewalttaten, die aber absolut zunahmen.
Zu einer ähnlichen positiven Sicht der Welt kommt Nicholas Christoph von der New York Times. Von einer seiner Reisen in unterentwickelte Gegenden der Erde, dieses Mal nach Liberia, berichtet er von der drastischen Abnahme der Lepra um 97% seit 1985, nicht nur in Liberia sonder auch worldwide, und ein totales Verschwinden der Krankheit in den nächsten Jahren darf angenommen werden.
Durch Impfungen, bessere Ernährung und medizinische Hilfe wurden seit 1990 100 Millionen Kinder vor dem Tode gerettet. Sie sterben auch nicht mehr an Malaria, Durchfall und an Darmverstopfung durch Würmer.
Ein erstaunlicher Rückgang von extremer Armut ist zu verzeichnen von 90% während des längsten Teils der Geschichte auf jetzt deutlich unter 10%.
Jeden Tag verlassen (aus der Statistik, nicht aus ihrer Heimat) 255000 Menschen die Zonen extremer Armut, 300Tausend erhalten jeden Tag erstmalig elektrischen Strom, jeden Tag erhalten 285Tausend erstmalig sauberes Trinkwasser, 85% der vormalig Ärmsten können lesen. Der Anstieg der Weltbevölkerung geht zwar weiter aber deutlich weniger steil.

Zu einer ähnlichen Sicht kommt ein Spiegel-eBook, „Absagen an den Untergang“. Hier geht es um die Methode des negativen Journalismus, nachdem schlechte Nachrichten den Vorzug bekommen nach dem Motto „good news is no news“ oder „if it bleeds, it leads“. Eine Lanze wird gebrochen für „konstruktiven Journalismus“ der nicht unbedingt positive Nachrichten bringen muss, aber nicht den Nachdruck auf schlechte legt.
Professor Hans Rosling aus Stockholm unterhält sein Publikum mit kurzweiligen Pointen die von einer besseren Welt erzählen. So beweist er dass die zunehmende Angst vor einer Überbevölkerung der Erde unbegründet ist. Das gefürchtete Ozonloch hat sich fast völlig wieder erholt. Reiche Mega-Cities wie zB London haben eine relativ niedrige Luftverschmutzung im Vergleich zu Mega-Cities in Entwicklungsländern wie zB Delhi.
Der deutsche in Oxford lehrende Ökonom Max Roser stellt fast täglich Statistiken auf seiner Website ourworldindata.org vor. So hat sich die Kindersterblichkeit seit 1990 weltweit halbiert. Gesundheit und Bildung werden besser, die Lebenserwartung steigt. Die Jahre die wir gesund und fit im Alter hinzugewonnen- (30!), kompensieren für die Jahre die wir durch die niedrige Geburtenrate verloren haben. Im Jahr 1900 konnte weltweit nur jeder fünfte lesen, heute hat sich das Verhältnis umgekehrt, nur jeder fünfte ist Analphabet. Roser erklärt die Vorliebe der Medien für schlechte Nachrichten mit den langen Zeiträumen die gute Nachrichten brauchen, während Katastrophen akut sind und daher eine höhere Priorität für die Medien besitzen.
Bei der Zunahme der Lebenserwartung spielt die Medizin eine große Rolle, sowie die davon abgeleitete persönliche Hygiene, die Lebensführung der Menschen („Life Style“), der Kontrolle von Trinkwasser und Lebensmitteln. Das hat seinen Preis und während man in Europa und in Japan über die Kosten des Gesundheitswesen streitet, ist das doppelt so teure Amerikanische System weit entfernt von den Europäischen und Asiatischen Resultaten (Roser).
Es ist schwierig Roser zu glauben wenn man sich den Zustand der Welt in jüngster Vergangenheit vergegenwärtigt mit den Kriegs-bedingten Hungersnöten in Somalia und im Jemen. Aber den globalen Trend zum Guten wird es vermutlich statistisch nicht beeinflussen.

Das Ende der Geschichte?
Wenn man diese Daten vor Augen hat, dh die Abnahme der Gewalt und die Abnahme der nicht-natürlichen Todesfälle als einen weiterführenden historischen Trend, kommt man dann nicht doch wieder zu der Ansicht, dass es auch einen positiven Trend in der Weltgeschichte gibt, immer gegeben hat, der aber immer wieder durch aktuelle Ereignisse überschattet wurde? Gibt es dann doch den Hegel’schen Weltgeist? Wird es dann doch ein „Ende der Geschichte“ geben, wie es von Schiller und zuletzt von Francis Fukuyama prophezeit wurde?
Friedrich Schiller beschrieb in seiner Antrittsvorlesung („Was_heißt_und_zu_welchem_Ende_studiert_man_Universalgeschichte“)
1789 an der Universität Jena den großen Fortschritt der Geschichte und der Zivilisation auf allen Gebieten, von der vor-historischen bis zur (damaligen) Jetztzeit, wobei er unter Universalgeschichte eine Mitwirkung aller wissenschaftlichen Disziplinen an der Erschaffung eines Geschichtsbildes verstand, wo die Lücken der Quellen durch philosophische Extrapolation ausgefüllt werden müssen. Hier ein Auszug:
„Was sind wir jetzt? – Lassen Sie mich einen Augenblick bey dem Zeitalter stille stehen, worinn wir leben, bey der gegenwärtigen Gestalt der Welt, die wir bewohnen.Der menschliche Fleiß hat sie angebaut, und den widerstrebenden Boden durch sein Beharren und seine Geschicklichkeit überwunden. Dort hat er dem Meere Land abgewonnen, hier dem dürren Lande Ströme gegeben. Zonen und Jahrszeiten hat der Mensch durch einander gemengt, und die weichlichen Gewächse des Orients zu seinem rauheren Himmel abgehärtet. Wie er Europa nach Westindien und dem Südmeere trug, [117] hat er Asien in Europa auferstehen lassen. Ein heitrer Himmel lacht jetzt über Germaniens Wäldern, welche die starke Menschenhand zerriß und dem Sonnenstral aufthat, und in den Wellen des Rheins spiegeln sich Asiens Reben. An seinen Ufern erheben sich volkreiche Städte, die Genuß und Arbeit in munterm Leben durchschwärmen. Hier finden wir den Menschen, in seines Erwerbes friedlichem Besitz sicher unter einer Million, ihn, dem sonst ein einziger Nachbar den Schlummer raubte. Die Gleichheit, die er durch seinen Eintritt in die Gesellschaft verlohr, hat er wieder gewonnen durch weise Gesetze. Von dem blinden Zwange des Zufalls und der Noth hat er sich unter die sanftere Herrschaft der Verträge geflüchtet, und die Freyheit des Raubthiers hingegeben, um die edlere Freyheit des Menschen zu retten. mehr unnütz verzehrt, seitdem es in seine Willkühr gestellt worden, sich mit der Noth abzufinden, der er nie ganz entfliehen soll, seitdem er das kostbare Vorrecht errungen hat, über seine Fähigkeit frey zu gebieten.
Wohlthätig haben sich seine Sorgen getrennt, seine Thätigkeiten vertheilt. Jetzt nötigt ihn das gebieterische Bedürfniß nicht mehr an die Pflugschaar, jetzt fordert ihn kein Feind mehr von dem Pflug auf das Schlachtfeld, Vaterland und Heerd zu vertheidigen. Mit dem Arme des Landmanns füllt er seine Scheunen, mit den Waffen des Kriegers schützt er sein Gebiet. Das Gesetz wacht über sein Eigenthum – und ihm bleibt das unschätzbare Recht, sich selbst seine Pflicht auszulesen…“
Die Ironie der Geschichte wollte es, dass nur Monate nach Schillers Rede die Französische Revolution ausbrach, und die Geschichte nicht nur nicht zu Ende war sondern ganz neu begann. Wenn man wie Emanuel Kant die Geschichte als einen Kampf für die Freiheit auffasst, wo Aufklärung die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit bedeutet und Kant das Individuum mahnt, sich seines Verstandes zu bedienen („sapere aude“), dann war die Französische Revolution in der Tat ein Höhepunkt der Geschichte mit der Deklaration der Menschenrechte und der Ächtung des Sklavenhandels.
Doch die blutig errungene Freiheit mit ihrem „terreur“, der Verelendung der Massen durch Missernten und Misswirtschaft und den daraus resultierenden Raubkriegen, wurde zunichte gemacht durch die darauf folgende Restitution.
Als 1989 die Berliner Mauer fiel und der Sieg der liberalen Demokratie (oder des demokratischen Kapitalismus) damit feststand und man sich nicht vorstellen konnte, dass dies je wieder rückgängig gemacht werden könnte, schließlich war der Fall der Mauer auch durch die Schwäche der Sowjetunion zustande gekommen, publizierte der amerikanische Historiker Francis Fukuyama seine Schrift von dem „Ende der Geschichte“. Er konnte nicht ahnen, dass sich das beträchtlich verkleinerte Russland (Abfall der Satelliten) zu einem gefährlichen Mafia-Staat entwickeln würde, dass China zu einer Weltmacht aufstieg- und die befreiten Osteuropäischen Länder Schwierigkeiten mit der Demokratie haben würden, die zum Jugoslawien-Krieg führten, wo in Polen und Ungarn demokratisch gewählte antidemokratische Regierungen entstanden und wo in den USA die Demokratie ein Monster generierte. Der Zustand der Welt mit den Konflikten im Mittleren Osten, der Türkei und in Afrika lässt an der Idee des Fortschritts der Geschichte zweifeln.
Vielleicht ist die Bedrohung durch den Klimakollaps ein Mittel, um die verfeindeten Staaten doch noch zur Zusammenarbeit zu bringen.
Alles wird gut? Noch sieht es nicht so aus.

 

Ein Nachbar zog aus

Mit den Füßen voraus. Erstarb nach langer Krankheit. Hoher Blutdruck hatte sein Herz und seine Nieren zerstört. Operationen und Dialyse schenkten ihm zusätzliche Jahre, doch irgendwann konnte die Medizin nicht mehr helfen.  Hatte man nur die Jahre seiner Qualen verlängert? Keineswegs, er wollte leben, wollte miterleben wie sich seine Enkel entwickeln, alle lebten zusammen in einem Haus in dem er sich geborgen fühlte und in dem er auch starb. Er hatte Episoden von Todesangst; dieses furchtbare Gefühl hatte er schon einmal, mit 9 Jahren, als er mit Mutter und Geschwistern 1945 aus Oberschlesien flüchten musste und nach langer Irrfahrt in Hessen eine  neue Heimat fand.

Über 100 Besucher kamen zur Trauerfeier, die Kapelle  reichte nicht, die meisten mussten draußen bleiben, aber die Predigt auf der Basis von Psalm 121 war auch draußen zu hören. („Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat, er wird Deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet  schläft nicht“.)   Shapiro’s Kommentar: Diese Worte für einen Toten?  Eher für die Trost-bedürftigen Hinterbliebenen. Über den Gott, „der bei uns ist alle Tage?“….War der auch bei den muslimischen Flüchtlingen die im Mittelmeer ertranken? Ist unser Gott identisch mit Allah und Yahweh? Gottes Allmacht, die wir im Glaubensbekenntnis beschwören, was vermag sie über das Böse in der Welt? Ist Gott allwissend, allmächtig und gut?  Er kann es nicht gleichzeitig sein. Widersprüche über Widersprüche. Das Jenseits, das Ewige Leben, Shapiro’s totem Nachbarn wurde es in der Predigt verheißen. Wirklich ein Trost? Was denkt die Kirche heute darüber? Im Zeitalter des Urknalls?

Nachtgedanken

Ein Schweizer Gelehrter hatte sich nach seiner Pensionierung vorgenommen,  nachzudenken über die Tätigkeit in seiner aktiven Zeit, was richtig war und was nicht und was übrig geblieben war von dem was er erforscht hat, denn alles unterliegt ja einem raschen Wechsel und fast alles Alte wird durch Neues ersetzt und nur die ganz fundamentalen Entdeckungen bleiben davon ausgenommen. Der Wissenschaftler, der die nicht ganz so fundmentalen aber doch wichtigen Erkenntnisse geliefert hat, wird vergessen werden. Naturwissenschaftler dieser Kategorie arbeiten ständig selbst daran vergessen zu werden. Mit jedem Beitrag ihrer eigenen Arbeit  werden sie ein Stück mehr obsolet.

Mit diesem Blog will Shapiro Ähnliches versuchen wie der oben genannte Schweizer Kollege. Dass der seine Erinnerungen „Nachtgedanken“ nannte bedeutet etwas.